Symbolbild Vaterland Muttersprache Foto: Amador Loureiro / Unsplash

Um zu verstehen, warum wir einerseits Vaterland und andererseits Muttersprache sagen, muss man sich die Entstehungsgeschichte dieser Worte anschauen.

„Muttersprache“ oder zuerst „mütterliche Sprache“ ist eine Übersetzung des lateinischen Wortes „materna lingua“. Es findet sich in den Flugschriften des frühen 16. Jahrhunderts und bezeichnete zunächst die Umgangssprache im Gegensatz zum Latein als Wissenschaftssprache. Männer lernten in einzelnen Fällen, wenn sie zum Beispiel Priester wurden, Latein. Frauen jedoch erhielten nie irgendeine Schulbildung. Deshalb standen sie stellvertretend für die Bevölkerung, die kein Latein konnte und sich nur in der Umgangssprache, also der Muttersprache, verständigte. Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Bedeutung des Wortes „Muttersprache“. Heute verstehen wir darunter die Sprache, die ein Kind als erstes lernt  – im Gegensatz zu den Fremdsprachen.

In der Antike verwendeten lateinische Schriftsteller außerdem den Begriff  „sermo patrius“, die väterliche Sprache, für das, was sie schrieben. Übersetzt als „Vatersprache“ tauchte das Wort vereinzelt im Deutschen auf, besonders im 16. Jahrhundert. Es konnte sich jedoch nicht durchsetzen, da der Begriff „Muttersprache“ schon weit verbreitet war und den Gegensatz zum Latein deutlich machte. 

Das Wort „Vaterland“ ist eine Übersetzung des lateinischen „patria“. Der Begriff war auch im Deutschen nahe liegend, da das Land des Vaters an seine Söhne vererbt wurde. Im 18. Jahrhundert versuchten deutsche Schriftsteller wie Hegel, passend zur „Muttersprache“ auch den Begriff „Mutterland“ einzuführen. Sie hatten damit jedoch keinen Erfolg, da der Begriff „Vaterland“ schon eingebürgert war. 

In seiner zweiten Bedeutung wird das Wort „Mutterland“ noch heute benutzt. Es bezeichnet ein Stammland in Bezug auf seine Kolonien. Früher war also zum Beispiel Deutschland das Mutterland der Kolonien Togo und Kamerun. Heute hört man oft „Mutterland des Fußball“ für England. 

Dieser Text entstand 2007 ursprünglich für den WDR.

Weitere Infos zum Thema: Germanist Dr. Gerd Simon über das Buch „Muttersprache – Vaterland. Die deutsche Nation und ihre Sprache.“ von Dr. Claus Ahlzweig

Foto: Amador Loureiro / Unsplash

 


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